Die neuromanische Basilika

Bei der Ausführung des Baues kamen laut Pfarrchronik mehrere erhebliche Abweichungen von den Zwirnerschen Plänen zustande, für die Freyse verantwortlich zeichnete. Gegen energische Proteste seitens der Regierung und des Generalvikariates, aber wohl mit voller Zustimmung der Mariengemeinde, setzte der Essener Stadtbaumeister die Einwölbung der Kirchenschiffe sowie die Errichtung eines Glockenturmes durch.
2.3.3 basilikaDas Resultat – eine dreischiffige eingewölbte Pfeilerbasilika mit halbrundem Apsidialabschluß des Hochschiffes – kann, wenn nicht gar als erste Ausbildung überhaupt, so doch als eines der frühesten Beispiele des neuromanischen Basilikentypus rheinischer Prägung angesehen werden, wie ihn der im Rheinland im Sakralbau führende Architekt Zwirner selbst erst zehn Jahre später in St. Audomar in Frechen verwirklichte (hier allerdings auch mit einem Querhaus). In einer immer enger werdenden Bindung an den Formenkanon, der den historischen Vorbildern der eigenen Region entnommen wurde, fand die neuromanische Basilika dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Rheinland eine weite Verbreitung.
Die erhaltenen vier Joche der Wittener Basilika weisen eine zurückhaltende, klare Gliederung auf, bei der allerdings die Horizontale eine große Gewichtung erhalten hat: Die die einzelnen Joche voneinander abgrenzenden Gurtbögen des Mittelschiffs erfahren ihre Fortführung in senkrechten Wandvorlagen nur bis zu dem oberhalb der Arkaden durchlaufenden Gesims, wo dieses jeweils zu einer Konsole auskragt. So kann das Arkadengeschoß als geschlossene Sockelzone aufgefasst werden, auf der der Obergaden aufsitzt. Die Zwillingsfenster schnitten mit ihren Laibungen ursprünglich glatt in die Oberwand – also ohne die heutigen waagerechten Profilleisten. So konnte über dem Gesims jeweils der einem Joch zugehörige Wandabschnitt stärker als eigenständige Einheit mit senkrechter Orientierung wahrgenommen werden und die Zone zwischen Obergadenfenstern und Gesims trat weniger als ein querverlaufendes Band in Erscheinung. Die Erdgeschossarkaden sind außerdem mit schlanken Dreiviertelstäben verziert, die unter den flachen Pfeilerkapitellen Kelchkapitelle ausbilden.
Der Jocheinteilung entsprechend gliedern Lisenen die Außenwände in je vier Felder, die nach oben durch einen Rundbogenfries abgeschlossen werden. Diese Wandgliederung übertrug Freyse auch auf den dreigeschossigen Turm, wobei sich die Reihung der senkrechten Wandvorlagen in den beiden oberen Geschossen verdichtete. Hier rahmten die Lisenen jeweils drei Rundbogenfenster, bzw. Blendbögen und Schalllöcher.
Am 19. September 1845 konsekrierte der Paderborner Bischof Drepper die Kirche „Unsere Liebe Frau vom Siege“. Die 1850 in Auftrag gegebenen Glocken „Sta. Maria“, „St. Joseph“ und – in Bezugnahme auf den alten Kirchenpatron Wittens – „St. Johannes“ trugen folgende Aufschriften:

Sta. Maria!
Liebreiche Frau,
Hülfe der Christen
Herniederschau!
Ruf der Verirrten
Zum wahren Hirten
Siegreiche Frau!

St. Joseph!
Gottesmann
Der Jungfrau Bräutigam,
Wollst in Gefahren
Die Unschuld bewahren;
Führen sie himmelan!

St. Johannes!
Rufe laut,
Daß ein Hirt und eine Herde
Bald auch an dem Orte werde,
Der Dir einstens war vertraut.

Spenden und eine Verlosung hatten die Anschaffung der Glocken ermöglicht. Im Ersten Weltkrieg erlitten diese gemeinsam mit der für den Erweiterungsbau von 1896 gegossenen Salvatorglocke dasselbe Schicksal wie die meisten Glocken im Kaiserreich: Konfiszierung zwecks Einschmelzung. Bezeichnenderweise behielt die dem preußischen Königshaus gewidmete evangelische Gedächtniskirche aber ihr Geläut.