Die Neugründung

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die wenigen Katholiken Wittens nach Blankenstein eingepfarrt und wurden 1830, als in Lütgendortmund eine neue Gemeinde gegründet wurde, dieser zugewiesen. Am 18. Dezember 1834 genehmigte die preußische Regierung die Einrichtung eines Gottesdienstes in Witten selbst. Drei Monate später folgte die Erlaubnis des Generalvikariats in Paderborn.
2.3.2 nuegruendungWitten besaß nun eine eigene Missionsgemeinde, der von Carl Lohmann für die Feier der Messe auf Haus Berge ein Saal kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Aber die Gemeindemitglieder sahen sich vorerst noch außerstande, für das Gehalt eines eigenen Geistlichen aufzukommen. Nachdem die junge Gemeinde ein Jahr lang eher unregelmäßig aus den Nachbarpfarreien und von Schlosskaplan Külping von Haus Dellwig bei Castrop aus seelsorgerisch betreut wurden war, trat 1836 Missionar Friedrich Werner sein Amt in Witten an, der ebenfalls auf Haus Dellwig bei der Familie von Rump seinen Dienst als Schlosskaplan versah und dort bis 1842 wohnte. Die Beschaffung eines Pfarrhauses erschien deshalb zunächst fast dringlicher als der Bau einer Kirche, welcher sehr früh ins Auge gefasst worden war. Hier stellten sich neben finanziellen Problemen auch formaljuristische. Die Errichtung einer eigenen Pfarrei war Vorbedingung für die Bildung eines handlungsfähigen Kirchenvorstandes und schließlich für die Erlaubnis zum Kirchenbau selbst. Die Baugeschichte von St. Marien ist eng mit der Gründung und der Entwicklung der katholischen Gemeinde in Witten verknüpft, das seit der Reformation protestantisch gewesen war. Sie kann als ein architekturgeschichtliches Beispiel für die Städte des Ruhrgebiets gelten, wo infolge der Industrialisierung durch Zuwanderung binnen kurzer Zeit der katholische Bevölkerungsanteil stark anwuchs und sich nicht zuletzt auch um eine kulturelle Identität bemühte.
Aus der Pfarrchronik geht hervor, dass in Witten in Sachen Kirchenbau die Haltung der Regierung sowie der bischöflichen Behörde als Hemmschuh empfunden wurde. Andererseits ging die Gemeinde aus der Perspektive des Generalvikariats offensichtlich in vielerlei Hinsicht überstürzt bzw. eigenmächtig vor. Die Erhebung der Wittener Missionsgemeinde zur Pfarrei erfolgte erst am 2. Januar 1846. Die Verhandlungen über den Bau einer Kirche begannen bereits 1837. Damals wurden 400 Seelen gezählt, der Bau bereits für 500 Sitzplätze geplant. Die Finanzierung sollte durch eine Landeskollekte ermöglicht werden, zu der nach langem Bemühen erst 1840 die Genehmigung durch die Regierung erteilt wurde.
Unterdessen hatte 1840 Carl Lohmann unerwartet die Nutzung des Saales auf Haus Berge gekündigt, so dass man gezwungen war, sich nach einem anderen Provisorium umzusehen. In kürzester Zeit war im Garten des inzwischen als Pfarrhaus angekauften Clemensschen Hauses in der Hauptstraße 73 ein Holzschuppen gezimmert.
Missionar Werner, Pfarrer Hecking aus Boele und Vikar Giese aus Lütgendortmund gelang es, mittels einer Kollekte in den Provinzen Rheinland und Westfalen rund 11000 Taler aufzutreiben, Der Kostenvoranschlag für den vom Kölner Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner erstellten Entwurf belief sich auf 9150 Taler. Dieser sah – vermutlich aufgrund der von den übergeordneten Behörden geforderten äußersten Sparsamkeit – eine dreischiffige Basilika im neuromanischen Stil vor, die weder über einen Turm noch über ein Deckengewölbe verfügen sollte. Am 7. Juli 1844 kam es zur Gründung eines Bauvereins, dem Missionar Werner, Maurermeister Franz Schmidt aus Essen, Chausseeaufscher Weissenfeld, Ludwig Clemens, Maurer Jacob Schmidt und D.Klevinghaus angehörten. Die Mitglieder verpfändeten ihren Besitz als Garantie für die Finanzierung des Baues. Ein von der Regierung in Auftrag gegebenes Gutachten zweifelte jedoch die Kompetenzen des Bauvereins an und bemängelte u. a., die Ziegel seien drei Jahre zu früh hergestellt worden, wodurch ein Schaden von rund 4000 Talern entstanden sei. Das Generalvikariat verlangte von Werner Rechenschaft über die Finanzen und die Berücksichtigung der katholischen Bevölkerungsentwicklung in Witten bei der Größenabmessung der Kirche. Werner antwortete, bei anhaltendem Bevölkerungswachstum werde in 50 Jahren der Dom in Paderborn für die Wittener Gemeinde zu klein sein.
Anfang 1846 wurde die Baugenehmigung auf der Basis der Pläne Zwirners erteilt. Da man dem Bauverein jedoch die juristische Anerkennung verweigerte, übernahm Bürgermeister Kämper kommissarisch die Organisation, und dem Essener Stadtbaumeister Carl Wilhelm Freyse wurde die Bauleitung erteilt. Ausführender Unternehmer war Baumeister Schmitz aus Essen. Am 1. Juli 1846 konnte die feierliche Grundsteinlegung durch den Wattenscheider Dechanten Ziliken erfolgen, nachdem die Bauarbeiten längst im Gange waren.