Der Erweiterungsbau von 1895/96

Das Gutachten Güldenpfennigs sah in technischer Hinsicht keine Bedenken, „die alte Kirche mit einem Erweiterungsbau in einfachen romanischen Formen zu verschmelzen, ohne auf eine würdige äußere und innere Ausstattung verzichten zu müssen“. Ein auf 95000 Mark veranschlagter Entwurf Güldenpfennigs fand das besondere Gefallen des Bischofs. 2.3.7 erweiterungsbauGüldenpfennig wurde die Anfertigung der Baupläne übertragen, dem Wittener Architekten Rademacher die Detail- und Werkzeichnungen. Laut Pfarrchronik stammt von Rademacher auch der Vorschlag, die Vierung mit einer Kuppel zu versehen, über der ein „allseits gewünschter“ Dachreiter errichtet werden sollte.
Die Erweiterung erzielte mehr als eine Verdoppelung der Grundfläche: Die „alte“ Basilika öffnet sich in ein zweischiffiges Querhaus, das über ihre Flucht um mehr als die Breite der Seitenschiffe hervortritt. Der Chor wurde in der Flucht des Mittelschiffes auf gleicher Höhe über zwei Joche weitergeführt und mit einer halbrunden von fünf Rundbogenfenstern durchbrochene Apsis geschlossen. Den Seitenschiffen entsprechend, flankieren zwei leicht gedehnte Seitenjoche das vordere Chorjoch, um Raum für Seitenkapellen zu schaffen. Um Nebenaltäre aufzunehmen, wurden nach Norden hin zwei Seitenapsiden an die äußeren Joche des Querhauses gesetzt, mit denen im Grundriss außerdem die beiden apsidialen Anbauten an den Seitenschiffen der Basilika korrespondieren.
Den Innenraum beherrscht aber die Flachkuppel, die sich aufgrund der räumlichen Durchdringung von Mittelschiff und doppelschiffigem Querhaus über sechs auf gleicher Höhe abschließenden Bögen erhebt. Als Hängekuppel wahrgenommen – der flache Kugelabschnitt umschreibt in Einheit mit den gewölbten Dreiecksfeldern zwischen den Bögen die Form einer Halbkugel – überspannt sie die gesamte Breite der alten Basilika von fast 15 Metern. Für die Wittener Vierungskuppel, die sich auf einem Sechseck erhebt, lassen sich kaum Vorbilder anführen. Das „Vierungs-Sechseck“ ergibt sich jedoch konsequent aus der Verbindung des Mittelschiffs mit den zwei Schiffen des Querhauses, wobei die Breite des Mittelschiffs die Seitenmaße des Sechsecks und somit auch die Länge der Joche für das Querschiff vorgibt. So kommen hier Momente eines Zentralbaus zum Tragen, andererseits nähert sich die Raumwirkung sehr stark der einer Halle. Nord- und Südwand führen in der Zone zwischen den Arkaden und den Vierpassfenstern in den Schildbögen ein vorgeblendetes Triforium. Der Wandaufriss wird hier wie im vorderen Chorjoch eindeutig dreigeschossig – ganz im Gegensatz zur Ost- und Westwand des Querhauses. Dort befinden sich in der glatten Wandfläche pro Joch zwei hohe Rundbogenfenster, die mit einem Vierpassfenster unmittelbar darüber gekoppelt sind. Die Außenwand des Querhauses ist mit Ausnahme der abgestuften Strebepfeiler an der Süd- und Ostseite ungegliedert. Allein die beiden die Basilika flankierenden Portale nehmen etwas von der reichen Gliederung der südlichen Turmfassade auf, die als Schauseite besonders aufwendig gestaltet wurde.
Ihr Hauptmerkmal ist die Staffelung von Hauptturm und Nebentürmen, wozu auch die durch ihre Dachkegel zu Türmen umgedeuteten Apsidialanbauten der Seitenschiffe zu rechnen sind. Außerdem bereicherten vier kleine Ecktürme die steilaufragende achtseitige Haube des Glockenturms. So wurde für die Fernsicht ein gotisierender Eindruck erzielt, zu dem auch der bereits erwähnte Dachreiter auf der Vierungspyramide beitrug. Daneben kennzeichnet die Hauptfassade der Kontrast der plastischen Ornamente und Gliederungsteile aus hellem Sandstein zu der weitgehend glatten Klinkerwand. Der neue Turm ist zwar durch ein aufgesetztes, im Grundriss kleineres Geschoss und die steile gotisierende Dachhaube faktisch in die Höhe gewachsen. Einen weit stärkeren Höhenzug erzielte Güldenpfennig rein optisch, indem er in die vorgefundenen drei Turmgeschosse Zwischengeschosse eingefügt und zwar über einen von zwei runden Treppentürmen gerahmten Vorbau. Hier ragt der Giebel über dem Hauptportal in eine Blendarkade mit Dreipässen. Rein optisch wird dieser als vor der Arkade befindlich wahrgenommen. Die Dreipassarkade wird als Motiv in der Zwerggalerie wieder aufgegriffen, die den oberen Abschluss des Vorbaus darstellt. Zwischen beiden Arkaden befindet sich ein Radfenster in der Mitte des zweiten Geschosses – wiederum mit Dreipässen gebildet. Die vielgliedrige, gestaffelte Schauseite der Kirche erzielt insgesamt eine malerische Wirkung, wie sie auch bei anderen Bauten Güldenpfennigs festgestellt wurde.
Als am 24. Juli 1895 die zweite Grundsteinlegung von St. Marien erfolgte, stand der Bau bereits kurz vor der Einwölbung. Die Konsekration nahm ein Jahr später, am l. August 1896, Weihbischof Gockel vor. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 203920,97 Mark, wobei die eigentliche Erweiterung 150000 Mark erfordert hatte. Hierfür hatte die Mariengemeinde bei der Landesbank der Provinz Westfalen zu Münster und bei der Sparkasse Witten eine Anleihe von insgesamt 175000 Mark aufgenommen.
Das Inventar stellte sich zum großen Teil aus Gegenständen zusammen, die bereits für die Notkirche gestiftet worden waren: die Orgel, vier Beichtstühle und die Kanzel. Neben einem neuen Hochaltar verfügte die Marienkirche nun über einen Muttergottes- und Josefsaltar. Bei den Stiftungen trat besonders der 1876 gegründete Armenseelenverein hervor.