Krankenhausseelsorge

Das Krankenhaus ist ein Ort, an dem Menschen das Leben in seiner Verletzlichkeit erfahren. Sie werden konfrontiert mit Situationen, in denen das bisher Selbstverständliche des Alltags aufbricht. Bedrängende Erfahrungen verunsichern und führen zu einer Suche nach Orientierung, nach Hoffnung, nach einem möglichen Vertrauen.

Begleiter / innen der Kranken und ihrer Angehörigen wissen, wie notwendig hier das Zuhören, das Gespräch, ja das einfache Dasein und Ausharren am Krankenbett sind.

Gleichzeitig wird in besonders belastenden Situationen deutlich, dass es darüber hinaus oft noch mehr braucht:
Da, wo die Angst, die Einsamkeit und die Trauer nicht mehr in Sprache gefasst werden können, wo Empfindungen das Benennbare übersteigen, bedarf es der Zeichen, der Gesten, der Erfahrungen von Gemeinschaft.

In einem Ritual, das bergenden Raum gibt für die vielfältigen und oft widersprüchlichen Gefühle und Gedanken, kann die bedrängende Situation eingebettet werden in eine größere und heilende Wirklichkeit. Dies kann in Gottesdiensten und in im Glauben wurzelnden Riten geschehen.

Mir als Krankenhausseelsorger stellt sich daher häufig die Aufgabe, zur Feier eines Gottesdienstes bzw. eines kleinen Ritus einzuladen, in dem Trost und Stütze spürbar werden und die Hoffnung auf einen Gott, „der alle Tränen abwischen wird“, möglich wird.

Meine beruflichen Begegnungen leben im Augenblick. Oft ist es „nur dieses eine Gespräch, in dem es heißt, wach zu sein, da zu sein mit offenen Sinnen“.

Ansprechpartner bin ich für die Patienten, deren Angehörige und auch für das Personal. Das ist mir wichtig, „denn wer selbst Stress hat, kann schlecht für andere sorgen“. Immer wieder geraten auch Ärzte, Schwestern und Pfleger in Selbstzweifel: Sie wollen das Bestmögliche leisten, kommen aber auch an ihre persönlichen oder strukturellen Grenzen. Damit sind in der Regel auch ethische Fragen verbunden: Was ist wirklich das Beste im Sinne der Patienten?

In den Patientengesprächen, die ich führe, geht es um andere Fragen: um Angst vor einer anstehenden Operation, vor einer schwerwiegenden Diagnose. Ein Dritter will nicht ins Pflegeheim. „Da fließen Tränen, da entlädt sich auch Wut.“

Manchmal ist es aber auch nur hilfreich zu schweigen und zuzuhören. Wichtig ist es, an der Seite der Patienten zu bleiben und vielleicht im zweiten Schritt gemeinsam neue Perspektiven zu suchen.

Auch religiös-spirituelle Fragen werden mir gestellt. Jeder Patient trägt ja ein sehr persönliches Glaubensbild in sich, das oft in der Frage mündet: „Was passiert mit mir? Warum?“

Ich versuche, mit dem Betroffenen dann die Bedeutung der Erkrankung im Lebenszusammenhang zu betrachten. Dabei entsteht ein deutlicheres Bewusstsein für erlebtes Glück, ein tiefes Empfinden für die Kostbarkeit, aber eben auch die Zerbrechlichkeit und Begrenztheit des Lebens. Dies alles anzunehmen benötigt einen Reifungsprozess, der uns achtsamer und bescheidener werden lässt, auch im moralischen Urteil über sich und andere – ein Weg übrigens, dem ich mich als Seelsorger mit auszusetzen habe.

Gelingt mir persönlich eine Abgrenzung zwischen meinem Dienst im Krankenhaus und meinem Privatleben? Ich nehme Supervision in Anspruch und versuche ein erfülltes Privatleben mit meinen Geschwistern und meinen Freunden zu führen. Ab und zu ein Kinobesuch oder an einem tollen Konzert teilnehmen; oder auch mal „lecker essen gehen“. Manchmal – leider zu selten – gehe ich auch spazieren, um dann wieder da zu sein für die Menschen im Krankenhaus, mit offenen Sinnen.

unterschrift Holtgreve

 

 

Winfried Holtgreve, kath. Pfarrer und Krankenhausseelsorger